Botulinumtoxin gegen Schwitzen

Sascha Ballweg

Der Einsatz von Botulinum Toxin A gegen Falten ist in der plastischen Chirurgie im Rahmen einer sogenannten "Faltenunterspritzung" sehr bekannt. Doch auch gegen übermäßiges Schwitzen (Hyperhydrosis) wird das aus dem Bakterium Clostridium botulinum gewonnene Gift inzwischen erfolgreich eingesetzt. Für die Hyperhidrosetherapie werden die betroffenen Hautpartien großflächig nach dem "Gießkannenprinzip" mit Botulinumtoxin subkutan injiziert (unterspritzt).

Anwendungsgebiete:

  • Schweißhände (Hyperhidrosis palmaris)
  • Schweißfüße (Hyperhidrosis plantaris)
  • Achselschweiß (Hyperhidrosis axillaris)

Anwendung

An den oben genannten Körperstellen wird das Nervengift in stark verdünnter Form großflächig, mit durchschnittlich 40 - 50 Einstichen pro Handinnenfläche, Fußsohle bzw. Achselhöhle injiziert. Da dies an Händen und Füßen sehr schmerzhaft ist, werden vorher Hand- und Fußblock lokal betäubt. Diese Lokalanästhesie kann jedoch an sich schon sehr schmerzhaft sein. Menschen mit einer generellen Abneigung gegen, oder Angst vor Spritzen können sich in den meisten Fällen nicht für eine Botulinumtoxin-Behandlung entscheiden.

Die Botulinumtoxin-Therapie wird ambulant, in der Arztpraxis unter sterilen Bedingungen durchgeführt. Nach einer kurzen Kontrollzeit, mit der ein möglicher allergischer Schock abgewartet werden soll, darf der Patient die Praxis verlassen, aufgrund der Lokalanästhesie möglichst in Begleitung. Am Tag nach der Behandlung kann es zu Schmerzen, Rötungen und Schwellungen kommen, die jedoch rasch abklingen. In den ersten Tagen müssen körperliche Anstrengungen jeglicher Art vermieden werden.

Wirkung und Wirkweise

Die schweißproduzierenden ekkrinen Drüsen in der Haut verfügen über Nervenrezeptoren, welche vom Gehirn den "Befehl zu Schwitzen" empfangen. Dieser Befehl wird mittels eines sogenannten Neurotransmitters (Anticholin) übertragen. Das injizierte Botulinumtoxin A blockiert diese Signalübertragung, indem es die Freisetzung der Transmittersubstanz blockiert. Der erfolgreiche Einsatz der Botulinumtoxin-Therapie gegen Schwitzen ist durch wissenschaftliche Studien belegt, allerdings ist die beschriebene Blockade nicht von Dauer und hält durchschnittlich nur 6 Monate vor. Nach Regenerierung der Rezeptoren kommt es erneut zur Schweißproduktion, wodurch eine Wiederholung der Behandlung erforderlich wird.

Bei 5 bis 10% der Bevölkerung bleibt die Wirkung von Botulinumtoxin allerdings aus. Grund hierfür ist das Vorhandensein von Antikörpern gegen das Nervengift.

Kritische Stimmen

Die Verwendung von Botulinumtoxin am bzw. im Körper des Menschens sorgt bis heute für kontroverse Diskussionen unter Medizinern, Wissenschaftlern, Verbraucherschützern und Patienten. Kritiker verurteilen die grundsätzliche Idee, dem Menschen ein Nervengift zu spritzen und sehen hierin einen Verstoß gegen die Ethik der Medizin. Andere warnen vor den bislang unerforschten Langzeitfolgen und betonen, die erreichbaren Vorteile stünden in keinem Verhältnis zu Risiken und Nebenwirkungen. Nicht-Mediziner stören sich eher an den hohen Preisen, zu denen die Ärzte ihre Botulinumtoxin-Behandlung als Privatleistung abrechnen können, dadurch würde so mancher Mediziner dazu verleitet, die lukrativen Injektionen "vorschnell", anstelle alternativer Langzeittherapien, zu verschreiben. Hierbei spiele auch der nur "kurzfristig" andauernde Erfolg eine Rolle: da die Wirkung oft schon nach einem halben Jahr nachlässt und "nachgespritzt" werden muss, würde der Patient praktisch für ein Leben lang "abhängig" gemacht. Ein weiterer Kritikpunkt sind die für die Zulassung jeder einzelnen Produktionscharge erforderlichen Tierversuche (siehe unten).



Vorteile

  • hohe Wirksamkeit: Studien haben nachgewiesen, dass Injektionen mit Botulinumtoxin bei ca. 55 % der Testpersonen das Schwitzen vermindert bzw. verhindert hat. Bei ca. 81 % der Testpersonen konnten das Schwitzen um mehr als 50 % verringert werden.
  • minimal-invasiv: Für die Injektionen sind "lediglich" winzige Einstiche in die Haut nötig. Dies hat ggü. den alternativen chirurgischen Verfahren (gg. Schwitzen) einen relativen Vorteil, wenngleich das injizierte Botulinumtoxin für sich genommen eigene Risiken birgt (siehe unten).

 

Nachteile

  • kostenintensiv: Obgleich die Kosten für Injektionen mit Botulinumtoxin stark variieren, kann man als Richtwert ca. 200 bis 400 Euro pro Hand, und bis zu 600 Euro pro Achsel genannt werden. Dabei ist zu beachten, dass die Behandlung aufgrund der zeitlich begrenzten Wirkung 2x im Jahr wiederholt werden muss.
  • Krankenkasse zahlt nicht: Nur sehr selten und in speziellen Einzelfällen wird die Botulinumtoxin-Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. In der Regel werden die Injektionen als reine Privatleistung angesehen. Bitte besprechen Sie Ihre geplante Behandlungen vorher mit Ihrer gesetzlichen Krankenkasse!
  • zeitlich begrenzte Wirkung: Die Wirkdauer von Botulinumtoxin bei Schwitzen wird in der Regel mit 3 bis 6 Monaten angegeben. Danach muss die Behandlung wiederholt werden, d.h. diese muss 2x pro Jahr - alle 6 Monate - durchgeführt werden.
  • erst ab 18 Jahren: Hersteller wie Allergan, Inc. USA (Botox®) empfehlen, Personen unter 18 Jahren nicht mit Botulinumtoxin zu behandeln. Grund hierfür ist der Mangel an Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit.
  • eingeschränkte regionale Anwendung: Derzeit wird Botulinumtoxin nur gegen Achsel-, Gesichts-, Hand- und Fußschwitzen eingesetzt.
  • Nebenwirkungen: Gelegentlich kompensatorisches Schwitzen, Schwächung der Handmuskeln. Temporär: seitliche Schmerzen am Korpus, Kopf-, Rücken- oder Nackenschmerzen, Unwohlsein, Verlust des Tastsinns (besonders in den Daumen, siehe unten, oder am kleinen Finger)
  • Risiken: Toxin-Allergie und -Schock, allgemeine Unverträglichkeit, insbesonders mit anderen Medikamenten, Infektionen durch die Injektion.
  • psychisch belastender Eingriff: Der durch Lokalanästhesie an sich schmerzfreie Eingriff bedeutet für viele Menschen Stress pur: die bloße Vorstellung, sich mit einer Nadel 20 bis 30 mal in die Fußsohle stechen zu lassen, ist für die meisten schier unerträglich.
  • mögliche Unwirksamkeit: Bei 5 bis 10% der Bevölkerung bleibt Botulinumtoxin wirkungslos, da sie über entsprechende Antikörper im Blutkreislauf verfügen.
  • Tierversuche: Jährlich müssen rund 600.000 Mäuse für die vorgeschriebene Zulassung der einzelnen Herstellungschargen sterben (siehe unten).

 



Temporärer Verlust des Tastsinns (Daumen)

Eine eher seltene Begleiterscheinung palmarer Injektionen mit Botulinumtoxin ist der vorübergehende Verlust des Tastsinns in den Daumen. Aktuell kursiert in den USA die Geschichte eines von Handschwitzen geplagten, 17-jährigen Mädchens, das sich zu einer Botulinumtoxin-Behandlung durchgerungen hatte und anschließend feststellte, dass sie nicht mehr in der Lage war, Textmessages (SMS) mit ihrem Handy zu verfassen. Als "typische" Jugendliche von heute empfand sie dies als sehr störend. Keine SMS schreiben zu können war für sie belastender als das ursprüngliche Schwitzen, welches sich mit der Behandlung übrigens deutlich gebessert hatte. Die Wirkung der Injektion hielt fünf Monate an, die Blockade der Tastnerven verschwand dagegen schon nach 6 Wochen. [1]

LD50: Tierversuche für Botulinumtoxin

Botulinumtoxin ist ein bakteriell produziertes Gift (Ektotoxin), dessen Genehmigung als Medikament ganz bestimmten EU-Richtlinien unterliegt. Da es sich bei der Gewinnung mittels toxischer Bakterienstämme nicht um eine genormte, exakt wiederhol- und kontrollierbare Herstellung handelt, und das Endprodukt trotz Verdünnung hochgiftig ist, muss für jede Produktionscharge ein Unbedenklichkeitsnachweis erbracht werden. Dies geschieht mit Hilfe des klassischen Lethal-Dose-Tests (LD50-Test), bei dem mindestens 100 Mäusen Botulinumtoxin injiziert wird. Nach 3 bis 4 Tagen wird der LD50-Wert [2] über die Anzahl der getöteten Tiere ermittelt. Die Tiere erleiden Muskellähmungen, Sehstörungen und Atemnot, bevor sie qualvoll ersticken. Weltweit werden jedes Jahr rund 600.000 Mäuse dazu verwendet. Allein in Deutschland sterben jährlich ca. 30.000 Mäuse für Botulinumtoxin. Das für Kosmetika geltende Tierversuchsverbot der EU greift bei Botulinumtoxin-Produkten nicht, da sie auch als Medikamente zugelassen sind und außerdem injiziert und nicht nur topikal verwendet werden. [3][4]

 

[1] Aleccia N. "Teen's strange dilemma: Botox broke her texting thumbs" The BodyOdd on msnbc.com, 06/20.2011
[2] Mit dem LD50-Test wird die "mittlere letale Dosis" (LD50-Wert) ermittelt, d.h. ab welcher Dosis Botulinumtoxin 50% der Tiere nach Injektion sterben. Dieser Test ist für das Genehmigungsverfahren von Botulinumtoxin durch die EU gestattet.
[3] Bitz S. "The Botulinum Neurotoxin LD50 Test. Problems and Solutions" Altex 27, 2/2010, 114–116
[4] Schweizer Fernsehen; Kassensturz: "Botox-Mäuse: Qualvoller Tod für weniger Falten" 11/20.2007
[5] Begleitartikel "Gequälte Schönheit", SWR Fernsehen, www.swr.de