Spezielle Formen der Hyperhidrose

Sascha Ballweg

Es gibt in der Praxis 4 Sonderformen der Hyperhidrose, die separat erwähnt werden sollen. Diese Arten des übermäßigen Schwitzens haben gemeinsam, dass sie nur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt bzw. zu einem bestimmten Anlass auftreten.

Gustatorisches Schwitzen

Dieses abnorm ausgeprägte Schwitzen im Gesichts-Hals-Bereich tritt nur während des Verzehrs jeglicher Speisen auf und wird unmittelbar durch gustatorische Reize (d.h. Geschmacksreize) wie z.B. Schmecken, Lutschen, Kauen, Beißen, ausgelöst. Durch den deutlich begrenzten Hautbezirk zählt diese auch als Frey-Syndrom oder Aurikulotemporales Syndrom bezeichnete Form zu den fokalen Hyperhidrosen. Die Symptome zeigen sich in der Regel nach einer Entzündung (z.B. Parotitis) oder nach teilweiser bzw. kompletter Entfernung der Ohrspeicheldrüse und der Unterkieferspeicheldrüse. Da eine andere Krankheit im Endeffekt Auslöser des Schwitzens ist, handelt es sich in der Regel um eine sekundäre Hyperhidrose. Das Frey-Syndrom kann auch als kompensatorisches Schwitzen (med. Rebound) nach einer Endoskopischen Transthorakalen Sympathektomie (ETS) auftreten.

Übrigens: Die typischen Schweißausbrüche nach dem Genuss von scharfen Speisen zählen nicht zum gustatorischen Schwitzen, da sie keinen ernsthaften physiologischen Ursprung haben. Außerdem treten diese "Schwitzattacken" nicht nur in der Gesichtregion, sondern am gesamten Körper auf.

 

Kompensatorisches Schwitzen (Reflex-Schwitzen)

Als Reflex-Schwitzen bezeichnet der Mediziner ein starkes, großflächiges Schwitzen (vorwiegend am Rumpf auftretend), welches nach einer erfolgreich durchgeführten endoskopischen transthorakalen Sympathektomie (ETS) auftritt. Die ETS-Operation wird als ultima ratio bei extremen Schweißhänden und -füßen eingesetzt. Mittels Durchtrennung der sympathischen Nervenstränge wird das Hand-/Fußschwitzen unmittelbar und zu 100% gestoppt. Wissenschaftler vermuten, dass sich der Körper zwecks Thermoregulation ausgleichend (kompensatorisch) neue Wege sucht, um an anderer Stelle ausreichend schwitzen können. Neueste Untersuchen gehen jedoch auch von einem sympathischen Reflex aus, welcher durch die Nervdurchtrennung ausgelöst wird (Reflex-Schwitzen).

 

Erröten und Schwitzen

Das Erröten (med. Blushing und Flushing) beruht auf einer plötzlichen Ausdehnung von Blutgefäßen und einer damit verbundenen spontanen Zunahme des Blutvolumens in der Haut des Gesichtes und der Halsregion des Menschen. Die rote Farbe des Blutes ist dann durch die obersten Schichten der Haut deutlich zu sehen. Gesteuert wird das Erröten durch den Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystemes). Als Auslöser gelten zwei Gruppen von Emotionen, welche die folgenden zwei verschiedenen Errötungsformen hervorrufen:

  • Blush: ausgelöst durch selbst-bezogene Emotionen wie Verlegenheit, Scham, situationsbezogene Scheu oder Peinlichkeit
  • Flush: ausgelöst durch fremd-bezogene Emotionen wie Ärger, Wut, Zorn und extreme Sinnesreize (z.B. scharfe Gewürze)

Während des Errötens verspürt der Betroffene einen vermeindlichen Anstieg der Hauttemperatur [1], weshalb mit dem Blushing/Flushing oftmals spontane Schweißausbrüche einhergehen. In einigen Fällen sind vorschnelles, krankhaftes Erröten, die sogenannte Erythrophobie [2] und Hyperhidrosis facialis aneinander gekoppelt. Da beide Erscheinungen durch das sympathische Nervensystem gesteuert und durch Angstgefühle verstärkt bzw. ausgelöst werden, ist sowohl ein neurologischer als auch ein psychotherapeutischer Therapieansatz zu empfehlen.

 

Kalter Angstschweiß

In Angst-, Panik-, Erregungs- und Schocksituation sowie in unmittelbarem Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Verletzungen oder Erkrankungen (z.B. Herzinfakt) erlebt der Mensch eine besondere Form der Perspiration: Den kalten Angstschweiß.

In den genannten Extremsituationen produziert der Körper automatisch das Stresshormon Adrenalin. Diese Reaktion erfolgt, um den Körper "blitzartig" in einen hypersensiblen Zustand der Alarm- und Fluchtbereitschaft zu versetzen. Dies ist ein evolutionär bedingter Vorgang, welcher noch aus den Urzeiten der Menschheit stammt. Das Adrenalin erhöht den Herzschlag und verengt die Blutgefäße der Haut [3] und der inneren Organe, um den Muskeln mehr Sauerstoff und Energie zur Verfügung stellen zu können. Aufgrund der schlechteren Durchblutung ist die Haut in diesem Moment deutlich kühler. Gleichzeitig richtet sich die Feinbehaarung der Haut auf ("Gänsehaut"), ihre Wurzeln sind mit Haarbalgmuskeln verbunden, welche in Angstsituationen automatisch angespannt werden. Durch das Aufrichten kann der Schweiß auf der Haut schneller Verdunsten, was für einen weiteren, spontanen Temperaturabfall führt. Desweiteren kann das Kältegefühl auch mit einem schlagartig sinkenden Blutdruck in Zusammenhang stehen.

Aufgrund des Adrenalinsschubs werden auch die apokrinen Drüsen verstärkt aktiviert, welche einen für Menschen kaum wahrnehmbaren "Angstgeruch" (durch Pheromone) absondern.

Da der Adrenalinausstoß durch das vegetative Nervensystem gesteuert werden, reicht bei sensiblen Menschen oft der bloße Gedanke an "furchteinflößende" Situationen o.ä., um den Angstschweiß auszulösen. In einigen Fällen kann dies zu einer dauerhaften Belastung werden, beispielsweise bei Sozialen Phobien.

 

Nachtschweiß

Das starke nächtliche Schwitzen, beim dem Bettzeug und Pyjama großflächig durchnässt werden und die Haare regelrecht tropfend nass sind, ist eine spezielle Form der sekundären Hyperhidrose. In nahezu allen Fällen ist es ein Alarmzeichen für unerkannte systemische Erkrankungen und direktes Symptom dieser. Banale Ursachen wie zu hohe Umgebungstemperatur bzw. Luftfeuchtigkeit oder Albträume erzeugen eher ein vergleichsweise kurzfristiges Schwitzen. Von der primären Hyperhidrosis, die nachts in der Regel abklingt, unterscheidet sich das Nachtschwitzen deutlich, da es tatsächlich nur nächtlich auftritt.

Profane Ursachen des Nachtschwitzens:


  • zu warme Raumluft im Schlaftzimmer (ideal: 18 bis max. 21°C)
  • zu hohe Luftfeuchtigkeit im Schlaftzimmer (ideal: 50 bis 60 %)
  • zu warme Bettdecke oder synthetische Materialien
  • zu warme Schlafbekleidung oder synthetische Materialien
  • Albträume
  • Schlafen unter Alkoholeinfluss
  • Schlafen mit vollem Magen

Besteht das Schweißproblem mehrere Nächte hintereinander, so ist eine zeitnahe, medizinisch-internistische Untersuchung dringend anzuraten.

 

Mögliche Ursachen für nächtliches Schwitzen:


  • grippaler Infekt
  • Pfeiffer'sches Drüsenfieber (Mononukleose)
  • fortgeschrittene Tuberkulose
  • Malaria
  • allergische/autoimmunologische Erkrankungen
  • AIDS
  • akute Leukämien
  • Lymphome
  • Wegener-Granulomatose
  • Polymyalgia rheumatica
  • Knochenmarksentzündungen(Osteomyelitis)
  • Arthritis
  • Arteriitis temporalis

 

[1] Tatsächlich erhöht sich die Temperatur lediglich um ca. 1°C und das nur für etwa 15 Sekunden.
[2] Die Erythrophobie zählt zu den sozialen Phobien (Angststörungen). Die Angst vor dem Erröten (im Angesicht anderer Menschen) ist hier Auslöser und Verstärker des eigentlichen Problems des Errötens.

[3] Durch die spontanreduzierte Durchblutung der Haut erscheint diese bleich und fahl. Man spricht deshalb in Zusammenhang mit kaltem Angstschweiß auch von Erbleichen.

 

Mehr in dieser Kategorie: « Lokale Hyperhidrose