Klassifizierung: Schwitzen als Krankheit

Sascha Ballweg
  • Kode ICD-10-WHO / R61.#     Hyperhidrose
  • Kode ICD-10-WHO / R61.0     Hyperhidrose,  umschrieben
  • Kode ICD-10-WHO / R61.1     Hyperhidrose,  generalisiert
  • Kode ICD-10-WHO / R61.9     Hyperhidrose,  nicht näher umschrieben

Schätzungen zu Folge geht die WHO davon aus, dass ca. 2 bis 3 % der Weltbevölkerung an einer HH leidet, wobei es genetisch bedingt unterschiedliche Verteilungen zwischen Männern und Frauen, sowie im Vergleich verschiedener Völkergruppen gibt.

Definition einer Hyperhidrose

Für die ärztliche Diagnose gelten definierte Grenzwerte für die Entstehung einer bestimmten Schweißmenge (gemessen in mg) innerhalb einer festen Zeitspanne:

≥ 100mg Schweiß in 5 Minuten

Die Quantitätsmessung erfolgt mittels Gravimetrie per Ultrafeinwaage. Der Arzt bestimmt zunächst das exakte Nettogewicht eines saugfähigen Papierbogens (z.B. Löschblatt oder Filterpapier). Danach werden für 5 Minuten Papier und die vom Schweiß betroffene Hautpartie miteinander in Kontakt gebracht (versch. variierende Möglichkeiten). Nach Ablauf der Zeit wird das Gewicht des Papiers, welches inzwischen  den Schweiß aufgesagt hat, erneut gemessen. Die Differenz zwischen Netto- und Bruttogewicht entspricht der produzierten Schweißmenge, welche dann in Milligramm umgerechnet wird. Liegt der Wert über den o.g. 100mg/5 min. so ist die Hyperhidrosis-Diagnose positiv.

Die qualitative Messung des Schwitzens, nämlich die Lokalisierung erfolgt mittels sogenanntem Minor-Test (auch Iod-Stärke-Test) bei dem Körperstellen, die vom übermäßigen Schwitzen betroffen sind, farblich markiert werden. Zuerst wird das schwitzende Hautareal sorgfältig getrocknet und anschließend mit einer Iod-Kaliumiodid-Lösung (Lugolsche Lösung) eingepinselt. Diese wird nach der Trocknung dünn mit einem speziellen Stärkepulver bestäubt. Das Gemisch färbt sich an den Stellen, an denen die verstärkte Schweißproduktion stattfindet blauschwarz. Der Test ist rein qualitativ und kennzeichnet lediglich die schweiß-aktiven Areale.

Krankhaftes Schwitzen: Nicht nur ein physisches Problem

Aus rein medizinischer, physischer Sicht ist Hyperhidrose keine unmittelbar bedrohliche oder schädliche Krankheit, vorausgesetzt der Flüssigkeits- und Elektrolytverlust wird stets adäquat ausgeglichen. Dennoch würden Betroffene ihr Problem mehrheitlich als massiv beschreiben. In ihren Augen stellt das krankhafte Schwitzen ein extrem belastendes Leiden dar, welches die Lebensqualität einschränkt und in alle Bereiche des persönlichen Lebens "schmerzhaft" eingreift: Freundschaft, Partnerschaft, Liebe, Sexualleben, soziale Kontakte, Schule und Beruf werden von der Hyperhidrose und der damit verbundenen Folgen (z.B. schweissnasse Hände, Schweißflecken, starker Schweißgeruch) negativ beeinflusst.

Schwitzen ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu. Aus diesem Grund kann exzessives Schwitzen, sichtbar und riechbar für alle Umstehenden, zu einem großen, mentalen Problem werden. Ungeachtet jedweder medizinischen Diagnose und Einschätzung, kann Hyperhidrose eine derart belastende Komponente sein, dass psychische Störungen auf Dauer unvermeidbar sind. Soziale Isolation, Phobien, Angststörungen, Zwangshandlungen, Depressionen und sogar Suizidgedanken sind leider häufig als "Kollateralschäden" einer Hyperhidrose zu beobachten.

 

Hyperhidrose in Worten und Zahlen

  • Hyperhidrotiker schwitzen ca. 3x stärker als normale Menschen
  • ca. 2,8 % der Weltbevölkerung leidet an Hyperhidrose
  • Menschen zwischen 25 und 64 Jahren sind am stärksten betroffen
  • lokal auftretendes Schwitzen beginnt durchschnittlich im Alter von 25 Jahren
  • Schweißhände/-füße sind jedoch schon von Geburt an betroffen
  • die geschlechtliche Verteilung ist insgesamt ausgeglichen
  • mit Beginn der Pubertät verstärkt sich die HH bei allen Betroffenen deutlich
  • ab einem Lebensalter von 50 Jahren lassen die Symptome langsam nach
  • ca. 51 % der Hyperhidrotiker leiden an Achselschweiß
  • ca. 29 % der Hyperhidrotiker leiden an Schweißfüßen
  • ca. 25 % der Hyperhidrotiker leiden an Schweißhänden
  • ca. 20 % der Hyperhidrotiker leiden an Gesichtsschwitzen
  • ca. 30 % der Betroffenen haben/hatten Hyperhidrotiker in der Familie
  • Hyperhidrotiker sind in der Regel körperlich völlig gesund
  • die heute bekannten Therapiemöglichkeiten erreichen eine Effektivität von 90 - 95 %

 

Kommentar und Beurteilung

Leider beschränkt sich der Therapieansatz vieler Ärzte bzw. Dermatologen bei einer Hyperhidrose auf reine Symptombekämpfung. Es wäre im Interesse der Betroffenen wünschenswert, wenn deutlich mehr Wert auf Ursachenforschung gelegt würde. Doch dies ist ein langwieriger Weg, zu dem beide Seiten, Arzt und Patient, bereit sein müssen. Da psychische Faktoren gerade bei der primären Hyperhidrose oft eine "heimliche" Rolle spielen, wäre darüberhinaus eine forcierte, interdisziplinäre Zusammenarbeit von Medizinern und Psychologen zu empfehlen. Ebenfalls kann die alternative Meinung eines Homöopathen neue Erkenntnisse bringen und Perspektiven hinsichtlich der Heilung eröffnen.